Donnerstag, 1. Januar 2026

Glaube & Pluralität


Vor wenigen Tagen bin ich auf der Suche nach einem „reformierten Credo“ auf diese Broschüre der Reformierten Kirchen Bern Jura Solothurn gestossen:

Christlicher Glaube und Pluralität in reformierter Perspektive (Mai 2024)

Zwei Mal habe ich das ganze durchgelesen (plus das Zusatzdokument Praxispapier Pluralität) –  und mir meine Gedanken dazu gemacht. Ich gehe hier kurz auf zwei Punkte ein, die mir Mühe machen:

23.(b) Christenmenschen glauben, dass Gott sich in Jesus Christus ganz und ohne Vorbehalt offenbart hat und es deshalb keine Wahrheit über Gott und die Welt abseits von Christus gibt.

Das glaube ich nicht. Bin ich somit kein „Christenmensch“? Ich glaube aufgrund meines persönlichen Lebensweges, dass sowohl der Christus wie auch der Buddha „die Wahrheit“ erkannt und gelebt und – auf ihre je ganz unterschiedliche Weise – auf sie hingewiesen haben. „Die Wahrheit über Gott und die Welt“ kann einem Menschen also durchaus „abseits von Christus“ (ebenso selbstverständlich auch „abseits von Buddha“) offenbar und von ihm gelebt werden.

Dies impliziert keineswegs, dass Christenmenschen und christliche Kirchen über eine absolute religiöse Wahrheit verfügen würden. Im Gegenteil, dass die Wahrheit allein bei Christus ist, relativiert alle menschlichen Absolutheits-ansprüche und leitet dazu an, Wahrheit nicht als Besitz einer Gruppe in Anspruch zu nehmen, sondern als Geschenk zu erhoffen, das Gott für alle bereithält.

Ein eklatanter Widerspruch: Es ist allein die „Gruppe der Christenmenschen“ die Christus als die alleinige Wahrheit proklamiert, sie also „exklusiv besitzt“. Der Buddhist (beispielsweise) braucht Christus nicht, er kommt ohne ihn zur „Realisation der Wahrheit“. Laut der vorliegenden Broschüre muss also ein Mensch, der an die „Wahrheit abseits von Christus“ glaubt, dem Irrtum (oder Schlimmerem…) verfallen sein, und es bleibt nur zu hoffen, dass er diesen Irrtum eines Tages einsieht und den Christus, das „Geschenk, das Gott für alle bereithält“ annimmt…

24. Christenmenschen sind auch vorsichtig mit vorschnellen Behauptungen über eine wie auch immer beschaffene Einheit der Religionen. Dies gilt sowohl für die verbreitete Auffassung, dass doch «alle an denselben Gott glauben» würden, als auch für religionsphilosophische Entwürfe wie die pluralistische Theologie der Religionen. In beiden Fällen wird den real existierenden Religionen von aussen ein Einheitsmodell übergestülpt, statt aus den unter-schiedlichen Perspektiven nach Gemeinsamem und Verbindendem zu suchen.

2009 habe ich für unsere Gruppe in den Notizen 5 das Thema „Heilsexklusivismus, -relativismus und -inklusivismus“ behandelt. Damals habe ich mich zum Heilsinkusivismus bekannt. Inzwischen ist mir der vierte Begriff des Heilspluralismus (oder die „Pluralistische Theologie“) begegnet und ich erkenne meine eigene Erfahrung nun klar in dieser Ausprägung. Im „Heilspluralismus“ geht es nicht um eine „Einheitsreligion“, sondern schlicht darum, dass das Heil (die Erlösung aus „Sünde“, Leiden und Tod) nicht von einem exklusiven Glaubensbekenntnis abhängig ist. 

Hier dazu zwei Beiträge der „Herder Korrespondenz“: Zum Begründer der "pluralistischen Theologie" John Hick und zu Raimon Panikkar, der meinem Verständnis am nächsten steht, da er (wie ich auch) eine zweifache (christliche und buddhistische) Initiation erlebt hat. „Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. So ist ein jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ (Joh 3,8).

Wer kann einem nicht-christusgläubigen Menschen die Erlösungsmöglichkeit „abseits von Jesus Christus“ absprechen? Ich jedenfalls würde mir das niemals anmassen, auch nicht die Erlösungsmöglichkeit abseits von Religion überhaupt.

Siehe beispielsweise Römer 2,14: 
„Wenn Heiden, die das Gesetz nicht haben, doch von Natur aus tun, was das Gesetz fordert, so sind sie, obwohl sie das Gesetz nicht haben, sich selbst Gesetz.“
Im Palikanon existiert dazu der Begriff des „Pacceka Buddha“: 
„So nennt man einen, der, ohne in seinem Leben jemals die Lehre von Anderen gehört zu haben, diese aus sich selber heraus erkannt und verwirklicht hat, aber nicht die Fähigkeit besitzt, sie in klarer Weise darzulegen und so der Menschheit ein Führer zu werden.“

Bibel:
„Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig.“ (2. Kor 3,6)
„Das Reich Gottes besteht nicht in Worten, sondern in Kraft.“ (1. Kor 4.20)
Palikanon:
„Die Wesen, die nur terminologisch wahrnehmen und erlebnismässig die Terminologie nicht durchdringen, gehen unter dem Joch des Todes.“ (Itivuttaka III,2)

Im Praxispapier Pluralität lese ich die folgenden positiven Aussagen, die mich ermutigen:

Unter „Gottesdienste“:
- Die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen kann auch in der Musik thematisiert werden.
Unter „Bildungsangebote“:
- Beleuchten Sie in Ihren Bildungsangeboten Themen wie Schöpfung, Gebet, Tod und Jenseits auch aus einer ökumenischen und interreligiösen Perspektive.
- Nehmen Sie in Ihrer Bildungsarbeit Ökumene und Interreligiosität als eigene Themen auf.

Ja, dies ist meine Herausforderung und auch das, was ich beitragen kann in unserer Reformierten Kirche.

UK


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