Donnerstag, 1. Januar 2026

Von guten Mächten

 
Mein Statement zum Besinnungssonntag vom 1. November 2026

Gedicht "Von guten Mächten wunderbar geborgen" von Dietrich Bonhoeffer als Lied (M: Siegfried Fietz) und meine Gedanken dazu in Auszügen aus meinem Buch Stille und Präsenz mit Herz - Achtsamkeit und Intuition, dem Skript zu den Besinnungswochen 2026/2027
 

Lied
 

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.



* Nach dem Lied 10 Minuten Stille *


Lesung zur zweiten Strophe:

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.

Wenn du ein mitfühlender Mensch bist, dann ist es normal, dass dein Herz schmerzt. Der Schmerz, der ist das Mitgefühl, der ist die Liebe in dir. Dieses Mitgefühl deines Herzens, das wünscht sich Leidfreiheit für alle Existenz, für alle Wesen. Lass diesen Schmerz zu und lenke seine Energie in Gedanken, Worte und Taten des Mitgefühls, in Gedanken, Worte und Taten der Liebe. Das ist der Weg des wahren Lebens. Weiche dem Schmerz nicht aus, verdränge und verleugne ihn nicht, denn er ist ein kostbarer Schatz, ein Schatz, der deine Menschlichkeit ausmacht.


Lesung zur dritten Strophe:

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Kennst du die beiden Seiten der Existenz? Kannst du beide Seiten als gleichermassen dem Leben zugehörig erkennen und akzeptieren? Es ist von grosser Bedeutung, das zu lernen, denn wenn du nicht bereit bist, das zu lernen, dann bist du nicht bereit dazu ein volles, ein ganzes, ein erfülltes Leben zu leben.

Wenn dein Leben sich darin erschöpft, die eine Hälfte des Seins zu wollen und die andere nicht zu wollen, dann führst du ein zutiefst gespaltenes, ein zerrissenes und dadurch sehr leidvolles Leben. Das muss nicht sein. Du kannst das  Leben in seiner ganzen umfassenden Wirklichkeit kennen und annehmen lernen. Du kannst es lernen, nicht nur der einen Hälfte des Lebens, sondern dem Leben in seiner ganzen Fülle zu vertrauen. 

Lebst du oder bist du tot? Mit dieser Frage an dich will ich dich ermutigen, Leben und Tod nicht mehr als Gegensätze wahrzunehmen. Leben tust du, wenn du bereit bist zu sterben. Tot bist du, wenn du nicht bereit bist zu leben.

Wenn du verstanden hast, was ich dir sagen will, dann wirst du dich nicht gegen den Tod für das Leben oder gegen das Leben für den Tod entscheiden, denn dann erkennst du, zumindest intellektuell, dass Leben und Tod eine untrennbare Einheit sind.

Möge dein Lebensweg zu dem werden, was er in Wirklichkeit immer schon war und was er in Wirklichkeit ist: Der Weg des wahren Lebens. Dem Weg des wahren Lebens vertraue. Dem Leben vertraue.


Lesung zur vierten Strophe:

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Die Erde ist nicht nur unser gemeinsames Erbe,
sie ist auch die Quelle des Lebens.
(Dalai Lama)

Der folgende (gekürzte) Text stammt aus dem Buch Hara - Die Erdmitte des Menschen  von Karlfried Graf Dürckheim:

Wer sich aus der Hetze des Alltags und der Verstrickung in Pflichten, die die rationalen Kräfte des Denkens und Wollens übermässig belasten, im Erlebnis des Waldes, des Wassers oder der Berge von seinen Spannungen löst und aufjauchzt in der Beglückung der in ihm befreiten Natur, für den ist das "Herrliche", das er erlebt ein Wert von eigenem Rang und von numinosem Charakter. Er erfährt die Befreiung einer seiner Natur innewohnenden transzendenten Kraft ursprünglichen Lebens. Vermag es der Mensch, sich der in solchem Erleben aufbrechenden Tiefe zu überlassen, dann erfährt er eine Weitung seines Lebensgefühles, die ihn weit über die Grenzen seines gewöhnlichen Lebensgefühles hinausträgt. Und was immer die Grosse Natur im Menschen in ihrer Fülle entbindet, befreit auch, so weiss es im Grunde ein jeder, das in seinem Leiden gefangene Herz und erweckt auch den Geist zu einer eigenen Helle. (s. die Meditative Waldwanderung)


Lesung zur fünften Strophe:

Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.


Nicht weil Kälte unter den Menschen herrscht,
wagen wir die Begegnung nicht.
Weil wir die Begegnung nicht wagen,
herrscht Kälte unter den Menschen.
(Kurt Haberstich)


Man kann nicht nicht kommunizieren.
Dieser berühmte Satz von Paul Watzlawik sagt eigentlich schon alles aus über das authentische Begegnen: Ununterbrochen befinden wir uns im Senden und Empfangen von Information. Wir kommunizieren durch den Blick, durch die Mimik, durch Gesten, durch die Haltung des Körpers und – natürlich auch – durch die Sprache und den Tonfall.

In einer authentischen Begegnung stehen die sprachlichen und die nicht sprachlichen Kommunikationsformen nicht im Widerstreit zueinander, sondern in Ergänzung: Was gesendet und was empfangen wird ist ein ganzheitliches Erleben in einem konkreten Kontext hier und jetzt.

Unerforschlich einbegriffen leben wir in der strömenden All-Gegenseitigkeit, sagte Martin Buber. In dieser All-Gegenseitigkeit, in der authentischen Begegnung, können wir uns über das Erleben austauschen. Wir versuchen, unser unmittelbares Erleben der gerade hier und jetzt stattfindenden Begegnung in Sprache, in Worte, Begriffe, Sätze, Bilder zu kleiden und uns dieses Erleben gegenseitig mitzuteilen. In dieser Gegenseitigkeit kann ich als Mensch authentisch werden und im Wahrhaftigsein wachsen und reifen.

Das ist die Bedeutung einer authentischen Begegnung. Es geht nicht um den Austausch von Theorien und deren Interpretationen, auch nicht um gegenseitige Belehrungen, sondern um die Praxis des aufrichtigen Miteinanderunterwegsseins in der Begegnungswelt. Noch einmal Martin Buber:

Ich muss es immer wieder sagen: Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stosse das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch. Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.

Nirgendwo kommt das Spielerische des Lebens stärker zum Ausdruck als in unseren Begegnungen. Was da in einer auch nur kurzen Begegnung alles aufscheint und wieder erlischt an Sinneseindrücken und mit diesen verbundenen Gefühlen, Emotionen und Gedanken ist wie ein eigenes Universum von Erleben. Die Achtsamkeit als reines Beobachten lässt dieses Universum und sein anfangs- und endloses Spiel geschehen und spielt mit. 


Lesung zur sechsten Strophe:

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Fast unmerklich werden sich die Zeiten der inneren Stille durch unser beharrliches Üben langsam ausdehnen. 

Es lohnt sich, dranzubleiben! Gerade das beharrliche Dranbleiben überwindet schliesslich die Hindernisse, die negativen Geisteszustände wie Langeweile, Frustration, usw. Wenn wir die Krisen, die uns möglicherweise heimsuchen, durchstehen und durchsitzen, werden wir mit grosser Wahrscheinlichkeit tiefere Formen der Gemüts- und Geistesruhe kennenlernen. Es geschieht dann das, was Ajahn Brahm in Grundlagen der Meditation so beschreibt:

Während man diesen Grad des inneren Schweigens entfaltet, wird man gewahr, dass man damit eine schwere Last loswird. Es ist, als ob man vierzig oder fünfzig Jahre lang ununterbrochen einen schweren Rucksack getragen hätte und viele, viele Meilen auf dem Rücken schleppen musste. Jetzt endlich hat man den Mut und die Einsicht aufgebracht, den Rucksack abzunehmen und ihn für eine Weile auf den Boden zu stellen. Man fühlt sich unbeschreiblich erleichtert, ist man doch jetzt nicht mehr mit dem schweren Rucksack des inneren Geschwätzes belastet.

Vielleicht ist dir bisher überhaupt noch nicht klar geworden, was diese innere Stille, dieses Schweigen, eigentlich ist und wie du es finden kannst. Dann versuche es einmal mit dem folgenden Hinweis von Ajahn Brahm:

Eine nützliche Methode der Entfaltung schweigender Achtsamkeit liegt darin, dass man den Raum erkennt, der zwischen zwei Gedanken, also zwischen den Phasen inneren Geschwätzes liegt. Wenn man scharf darauf achtet, was zwischen dem Ende eines Gedankens und dem Einsetzen des nächsten liegt: Genau das ist sie, die schweigende Achtsamkeit! Sie mag zunächst nur vorübergehender Natur sein; indem man jedoch diese schweigende Achtsamkeit als solche wahrnimmt, gewöhnt man sich an sie. Dann hält dieses Schweigen auch länger an. Man beginnt, Freude an diesem Schweigen zu empfinden, jetzt, da man endlich zu ihm vorgedrungen ist, und deshalb kann es sich auch weiter entfalten. Vergessen wir aber nicht: Das Schweigen ist sehr empfindlich, sobald es uns über sich sprechen hört, verschwindet es augenblicklich.

Es wäre in der Tat wunderbar für uns alle, wenn wir das innere Kommentieren aufgeben und in schweigender Achtsamkeit im gegenwärtigen Augenblick lange genug verweilen könnten, um zu erfahren, wie beseligend dieser Zustand ist. Das Schweigen ist viel besser dazu geeignet, Weisheit zu entfalten, als Denken. Wenn man sich dessen bewusst ist, wie viel beglückender und wertvoller es ist, innerlich zu schweigen, dann wird uns dieses Schweigen als erstrebenswert und wichtig erscheinen. Das innere Schweigen wird dann das, wohin der Geist sich neigt; unerlässlich sucht er dann das Schweigen, bis zu dem Grad, wo nur noch gedacht wird, wenn es tatsächlich erforderlich ist und einen Sinn hat. Da man auf dieser Stufe erkannt hat, dass Denken in Wirklichkeit meist zwecklos ist und uns nicht weiterführt, ja nur ein Hindernis darstellt, verbringt man nun gerne und mühelos viel Zeit in innerem Schweigen. 




Zum Schluss noch einmal das Lied, 
hier in der Version des Komponisten Siegfried Fietz, 
von ihm selber gesungen und am Klavier begleitet (2022):


* Nach dem Lied 10 Minuten Stille *


Besinnungen

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