* Nach dem Lied 10 Minuten Stille *
Lesung zur zweiten Strophe:
Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Wenn du ein
mitfühlender Mensch bist, dann ist es normal, dass dein Herz schmerzt. Der
Schmerz, der ist das Mitgefühl, der ist die Liebe in dir. Dieses Mitgefühl
deines Herzens, das wünscht sich Leidfreiheit für alle Existenz, für alle
Wesen. Lass diesen Schmerz zu und lenke seine Energie in Gedanken, Worte und
Taten des Mitgefühls, in Gedanken, Worte und Taten der Liebe. Das ist der Weg
des wahren Lebens. Weiche dem Schmerz nicht aus, verdränge und verleugne ihn
nicht, denn er ist ein kostbarer Schatz, ein Schatz, der deine Menschlichkeit
ausmacht.
Lesung zur dritten Strophe:
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Kennst du
die beiden Seiten der Existenz? Kannst du beide Seiten als gleichermassen dem
Leben zugehörig erkennen und akzeptieren? Es ist von grosser Bedeutung, das zu
lernen, denn wenn du nicht bereit bist, das zu lernen, dann bist du nicht
bereit dazu ein volles, ein ganzes, ein erfülltes Leben zu leben.
Wenn dein
Leben sich darin erschöpft, die eine Hälfte des Seins zu wollen und die andere
nicht zu wollen, dann führst du ein zutiefst gespaltenes, ein zerrissenes und
dadurch sehr leidvolles Leben. Das muss nicht sein. Du kannst das Leben in seiner ganzen umfassenden
Wirklichkeit kennen und annehmen lernen. Du kannst es lernen, nicht nur der
einen Hälfte des Lebens, sondern dem Leben in seiner ganzen Fülle zu vertrauen.
Lebst du oder bist du tot? Mit dieser Frage an dich will ich dich ermutigen, Leben und Tod nicht
mehr als Gegensätze wahrzunehmen. Leben tust du, wenn du bereit bist zu
sterben. Tot bist du, wenn du nicht bereit bist zu leben.
Wenn du
verstanden hast, was ich dir sagen will, dann wirst du dich
nicht gegen den Tod für das Leben oder gegen das Leben für den Tod entscheiden,
denn dann erkennst du, zumindest intellektuell, dass Leben und Tod eine
untrennbare Einheit sind.
Möge dein
Lebensweg zu dem werden, was er in Wirklichkeit immer schon war und was er in
Wirklichkeit ist: Der Weg des wahren Lebens. Dem Weg des wahren Lebens
vertraue. Dem Leben vertraue.
Lesung zur vierten Strophe:
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Die Erde ist nicht nur unser gemeinsames
Erbe,
sie ist auch die Quelle des Lebens.
(Dalai
Lama)
Der folgende (gekürzte) Text stammt aus dem Buch Hara - Die Erdmitte des Menschen von Karlfried Graf Dürckheim:
Wer sich aus der Hetze des Alltags und der
Verstrickung in Pflichten, die die rationalen Kräfte des Denkens und Wollens
übermässig belasten, im Erlebnis des Waldes, des Wassers oder der Berge von
seinen Spannungen löst und aufjauchzt in der Beglückung der in ihm befreiten
Natur, für den ist das "Herrliche", das er erlebt ein Wert von
eigenem Rang und von numinosem Charakter. Er erfährt die Befreiung einer
seiner Natur innewohnenden transzendenten Kraft ursprünglichen Lebens. Vermag
es der Mensch, sich der in solchem Erleben aufbrechenden Tiefe zu überlassen,
dann erfährt er eine Weitung seines Lebensgefühles, die ihn weit über die
Grenzen seines gewöhnlichen Lebensgefühles hinausträgt. Und was immer die
Grosse Natur im Menschen in ihrer Fülle entbindet, befreit auch, so weiss es im
Grunde ein jeder, das in seinem Leiden gefangene Herz und erweckt auch den
Geist zu einer eigenen Helle. (s. die Meditative Waldwanderung)
Lesung zur fünften Strophe:
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Nicht weil Kälte
unter den Menschen herrscht,
wagen wir die Begegnung nicht.
Weil wir die Begegnung nicht wagen,
herrscht Kälte unter den Menschen.
(Kurt Haberstich)
Man kann nicht nicht kommunizieren. Dieser
berühmte Satz von Paul Watzlawik sagt
eigentlich schon alles aus über das authentische
Begegnen: Ununterbrochen befinden wir uns im Senden und Empfangen von
Information. Wir kommunizieren durch den Blick, durch die Mimik, durch Gesten,
durch die Haltung des Körpers und – natürlich auch – durch die Sprache und den
Tonfall.
In einer
authentischen Begegnung stehen die sprachlichen und die nicht sprachlichen
Kommunikationsformen nicht im Widerstreit zueinander, sondern in Ergänzung:
Was gesendet und was empfangen wird ist ein ganzheitliches Erleben in einem
konkreten Kontext hier und jetzt.
Unerforschlich einbegriffen leben wir in
der strömenden All-Gegenseitigkeit, sagte Martin Buber. In dieser All-Gegenseitigkeit, in der authentischen
Begegnung, können wir uns über das Erleben austauschen. Wir versuchen, unser
unmittelbares Erleben der gerade hier und jetzt stattfindenden Begegnung in Sprache, in Worte,
Begriffe, Sätze, Bilder zu kleiden und uns dieses Erleben gegenseitig
mitzuteilen. In dieser Gegenseitigkeit kann ich als Mensch authentisch werden
und im Wahrhaftigsein wachsen und reifen.
Das ist die
Bedeutung einer authentischen Begegnung. Es geht nicht um den Austausch von
Theorien und deren Interpretationen, auch nicht um gegenseitige Belehrungen,
sondern um die Praxis des aufrichtigen Miteinanderunterwegsseins in der
Begegnungswelt. Noch einmal Martin Buber:
Ich muss es immer
wieder sagen: Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige etwas an der
Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der
mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stosse das Fenster auf
und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch. Ich werde am Du;
Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
Nirgendwo kommt das Spielerische des Lebens stärker zum Ausdruck als in
unseren Begegnungen. Was da in einer auch nur kurzen Begegnung alles
aufscheint und wieder erlischt an Sinneseindrücken und mit diesen verbundenen
Gefühlen, Emotionen und Gedanken ist wie ein eigenes Universum von Erleben. Die Achtsamkeit als reines Beobachten lässt dieses Universum und sein anfangs- und endloses Spiel
geschehen und spielt mit.
Lesung zur sechsten Strophe:
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Fast unmerklich werden sich die Zeiten der
inneren Stille durch unser beharrliches Üben langsam ausdehnen.
Es lohnt sich, dranzubleiben! Gerade das
beharrliche Dranbleiben überwindet schliesslich die Hindernisse, die negativen
Geisteszustände wie Langeweile, Frustration, usw. Wenn wir die Krisen, die uns
möglicherweise heimsuchen, durchstehen und durchsitzen, werden wir mit grosser
Wahrscheinlichkeit tiefere Formen der Gemüts- und Geistesruhe kennenlernen. Es
geschieht dann das, was Ajahn Brahm in Grundlagen der Meditation so
beschreibt:
Während man diesen Grad des inneren Schweigens entfaltet, wird man
gewahr, dass man damit eine schwere Last loswird. Es ist, als ob man vierzig
oder fünfzig Jahre lang ununterbrochen einen schweren Rucksack getragen hätte
und viele, viele Meilen auf dem Rücken schleppen musste. Jetzt endlich hat man
den Mut und die Einsicht aufgebracht, den Rucksack abzunehmen und ihn für eine
Weile auf den Boden zu stellen. Man fühlt sich unbeschreiblich erleichtert, ist
man doch jetzt nicht mehr mit dem schweren Rucksack des inneren Geschwätzes
belastet.
Vielleicht ist dir bisher überhaupt noch
nicht klar geworden, was diese innere Stille, dieses Schweigen, eigentlich ist
und wie du es finden kannst. Dann versuche es einmal mit dem folgenden Hinweis
von Ajahn Brahm:
Eine nützliche Methode der Entfaltung schweigender Achtsamkeit liegt
darin, dass man den Raum erkennt, der zwischen zwei Gedanken, also zwischen den
Phasen inneren Geschwätzes liegt. Wenn man scharf darauf achtet, was zwischen
dem Ende eines Gedankens und dem Einsetzen des nächsten liegt: Genau das ist
sie, die schweigende Achtsamkeit! Sie mag zunächst nur vorübergehender Natur
sein; indem man jedoch diese schweigende Achtsamkeit als solche wahrnimmt,
gewöhnt man sich an sie. Dann hält dieses Schweigen auch länger an. Man beginnt,
Freude an diesem Schweigen zu empfinden, jetzt, da man endlich zu ihm
vorgedrungen ist, und deshalb kann es sich auch weiter entfalten. Vergessen wir
aber nicht: Das Schweigen ist sehr empfindlich, sobald es uns über sich
sprechen hört, verschwindet es augenblicklich.
Es wäre in der Tat wunderbar für uns alle, wenn wir das innere
Kommentieren aufgeben und in schweigender Achtsamkeit im gegenwärtigen
Augenblick lange genug verweilen könnten, um zu erfahren, wie beseligend dieser
Zustand ist. Das Schweigen ist viel besser dazu geeignet, Weisheit zu
entfalten, als Denken. Wenn man sich dessen bewusst ist, wie viel beglückender
und wertvoller es ist, innerlich zu schweigen, dann wird uns dieses Schweigen
als erstrebenswert und wichtig erscheinen. Das innere Schweigen wird dann das,
wohin der Geist sich neigt; unerlässlich sucht er dann das Schweigen, bis zu dem
Grad, wo nur noch gedacht wird, wenn es tatsächlich erforderlich ist und einen
Sinn hat. Da man auf dieser Stufe erkannt hat, dass Denken in Wirklichkeit
meist zwecklos ist und uns nicht weiterführt, ja nur ein Hindernis darstellt,
verbringt man nun gerne und mühelos viel Zeit in innerem Schweigen.
Zum Schluss noch einmal das Lied,
hier in der Version des Komponisten Siegfried Fietz,
von ihm selber gesungen und am Klavier begleitet (2022):
* Nach dem Lied 10 Minuten Stille *